Mein 22jähriges Göttikind lebt viele Kilometer entfernt im Ausland und hat mich vor einiger Zeit besucht. Wir pflegen ein herzliches und vertrauensvolles Verhältnis. Mein Göttikind habe ich wegen Corona viele Monate nicht gesehen. Beim Besuch fiel mir seine Gewichtsabnahme und sein extrem überschwängliches Auftreten auf. Ausserdem ging es mit bekannten Gleichaltrigen in den Ausgang, feierte bis zum nächsten Vormittag und kam Sturz betrunken heim und übergab sich zunächst. Mein Göttikind erzählte z.B. auch von Personen aus ihrem Bekanntenkreis daheim, die „harten“ Drogen konsumierten und verkauften. Wenige Wochen später besuchte ich mein Göttikind. Der Zustand war diesmal besorgniserregend: die Party am Vortag und die Arbeitswoche haben ihm so schwer zu schaffen gemacht, dass mein Göttikind völlig ausgelaugt, geschwächt und extrem müde war. Ich habe mein Göttikind noch nie so erlebt! Nun habe ich aber über ein Geschwisterteil meines Göttikindes erfahren, dass es wohl neben Cannabis auch Kokain konsumieren würde. Plötzlich sah ich die o.g. Zustände bei den 2 Treffen in einem anderen Licht. Das Geschwisterteil musste ich versprechen, die Eltern nicht zu kontaktieren. Denn es hat bereits Ärger von allen Seiten erhalten, als es den Verdacht gegenüber den Eltern und meinem Göttikind aussprach. Ich fragte bei den hiesigen Bekannten nach und sie bestätigten mir, dass mein Göttikind ihnen von seinem Kokainkonsum erzählte. Ich frag mich nun, was ich tun kann. Welche Möglichkeiten gibt es für nahestehende Bezugspersonen, bei Verdacht auf Drogenkonsum die Betroffenen darauf anzusprechen. Mein Göttikind hat es gegenüber ihrer Familie strikt abgestritten. Was kann ich tun? Muss ich auf dieser weiten Entfernung abwarten und aushalten, dass sich mein Verdacht erhärtet und mir die Hände gebunden sind? Normalerweise rede ich sehr offen und bin transparent mit ihm. Aber hier hab ich das Gefühl, dass ich auf Ärger und Ablehnung stosse, wenn ich meine Sorge anspreche. Um einen Tipp wäre ich sehr dankbar…

SafeZone.ch hat diese Frage beantwortet:

Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie festgestellt, dass Ihr Göttikind stark abgenommen hat, überschwänglich auftritt und im Ausgang derart exzessiv Alkohol und wahrscheinlich auch Cannabis und Kokain konsumiert, dass es extrem müde und ausgelaugt die Arbeitswoche bewältigen muss. Dies bereitet Ihnen verständlicherweise grosse Sorgen. Sie befürchten, dass Ihr Göttikind mit Ärger und Ablehnung reagieren würde, wenn Sie es auf seinen exzessiven Konsum ansprechen.

Um Sie hoffentlich etwas unterstützen zu können, schildere ich kurz, wie Betroffene für gewöhnlich reagieren.

Normalerweise reagieren Betroffene insbesondere dann mit Ärger, wenn Ihnen negative Konsequenzen drohen oder sie sich in die Ecke gedrängt fühlen. Das kann zum Beispiel sein, wenn die Betroffenen glauben, ihren Job, etwas anderes Bedeutendes oder jemanden verlieren zu können, falls sie sich nicht ändern. Insbesondere, wenn sie sich nicht ändern wollen oder glauben, es gar nicht zu können.

Wenn Betroffene, die gerade nicht motiviert sind, etwas zu ändern, keine Konsequenzen erwarten, tendieren sie eher zum Abstreiten oder zum Verharmlosen.

Und bei einsichtigen Betroffenen stösst man eher auf Verzweiflung, Sorge und Selbstvorwürfe.

Um jemandem seine Sorgen um dessen Lebenswandel mitzuteilen, ohne dass dieser sich verurteilt oder in die Ecke gedrängt fühlt, empfiehlt es sich, den Ort und den Moment für eine Aussprache so zu wählen, dass sich unser Gegenüber möglichst wohl fühlt. Sie oder er sollte ausserdem ausgeschlafen und in neutraler Stimmung sein, wenn wir das Gegenüber mit unseren Sorgen konfrontieren, und nicht unter dem Einfluss von psychoaktiven Substanzen stehen, weil diese unsere Wahrnehmung und unsere Stimmungen beeinflussen.

Für das Gespräch selber empfehle ich Ihnen, Ihrem Göttikind stets das Gefühl zu geben, dass Sie es genau so lieben wie es ist und Sie in jedem Fall bereit sein werden, weiter Teil seines Lebens zu sein. Sprechen Sie von Ihren Beobachtungen und Ihren Sorgen und vermeiden Sie dabei Aussagen, die verurteilend oder beschuldigend verstanden werden könnten. Sagen Sie zum Beispiel, dass Sie gerne verstehen würden, weshalb es so an seine Grenzen geht, dass es die Arbeitswoche nur noch mit Mühe bestreiten kann. Unter diesem Link finden Sie ein paar weitere Tipps, die Ihnen vielleicht weiterhelfen: https://www.safezone.ch/de/unterstuetzen

Vielleicht öffnet sich Ihr Göttikind daraufhin und teilt mit Ihnen seine Gründe für den momentan exzessiven Konsum. Wenn nicht, können Sie ihm oder ihr trotzdem die Möglichkeit aufzeigen, sich bei allfälligen künftigen Schwierigkeiten an Sie oder an eine Fachperson wenden zu können. Die Familie, der gegenüber es sich gerade nicht öffnen will, muss nicht davon erfahren, weil Ihr Göttikind erwachsen ist. Vielleicht fällt es ihm oder ihr mit dieser Zusicherung leichter, offen zu sprechen.

Viel Erfolg dabei.


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