Das Interview | Newsletter Nr. 02

«Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell und direkt User auch sehr persönliche Dinge offen legen.»

Fünf Fragen an SafeZone-Katja-Scherrer (Nickname), Mailberaterin von SafeZone.ch

 
Frau Katja-Scherrer, mit welchen Anliegen wenden sich die Ratsuchenden über SafeZone.ch an Sie?

Die Anliegen der Ratsuchenden sind sehr breit gefächert: ich habe Anfragen von Selbstbetroffenen und von Angehörigen. Die Fragen betreffen alle möglichen Süchte und Substanzen: von Kaufsucht, über Pornosucht, Gamesucht, illegale Drogen, bis zu Alkohol und Tabak. Auch die Länge der Erstanfragen unterscheidet sich enorm: vom knappen Einzeiler bis zu einer guten A4-Seite war schon alles dabei. Da ist es nicht immer ganz einfach herauszuschälen, was denn nun das eigentliche Anliegen sein könnte.

Was ist in welchem Ausmass gefragt: Informationen zu Sucht, Verhalten und Substanzen, Rat für sich selber oder Rat für Angehörige? Und gibt es da Unterschiede nach Alter oder Geschlecht der Ratsuchenden?

Reine Informationsfragen zu Substanzen bekomme ich selten. Die Mehrzahl der User, gerade auch die, die selber konsumieren, befinden sich meist schon in einer Phase, in der sie sich Gedanken machen wegen ihres Konsums. Dann geht es oft um Fragen, wie man eine beginnende Abhängigkeit erkennt, den Konsum reduzieren oder ganz einstellen kann. Viele Menschen mit  Suchtproblemen haben auch noch mit anderen Belastungen zu kämpfen: Ängste, Depressionen, Einsamkeit – um nur einige zu nennen. Für viele ist Mailberatung dann ein allererster Versuch, sich Hilfe zu holen. Mal auszuprobieren, wie es ist, wenn man sich jemandem anvertraut.
Bei Angehörigen steht ganz klar die Sorge um die konsumierende Person im Vordergrund, fast immer verbunden mit der Frage: wie kann ich helfen? Oft werden dann auch Schwierigkeiten in der Beziehung thematisiert, die häufig auftreten, wenn ein Partner übermässig konsumiert.
Bei den Angehörigen handelt es sich sehr oft um Partnerinnen von konsumierenden Männern. Ab und zu erhalte ich Anfragen von Eltern, die sich Sorgen machen wegen ihrer gamenden Söhne. Die Angehörigen sind altersmässig grösstenteils zwischen 35 und 55. Die Selbstbetroffenen sind im Schnitt eher jünger. Auch dies eine grobe Schätzung aus dem Bauch heraus.

Internet und Chatten, so denkt man, sind Kommunikationsformen junger Leute. Aber offenbar sind es eher Menschen in mittleren Jahren, die sich über SafeZone.ch an Sie wenden.

Das liegt vielleicht daran, dass Jugendliche ihren Konsum oft nicht als problematisch wahrnehmen. Wie oben gesagt, haben die meisten User, die ich bisher beraten habe, ein Minimum an Problembewusstsein.

Wie unterscheidet sich die Mailberatung von einer telefonischen oder einem persönlichen Gespräch?

Mailberatung unterscheidet sich in einigem von persönlicher oder telefonischer Beratung, klar. Als erstes kommt mir dazu in den Sinn, dass Mailberatung Geduld braucht. Wir bemühen uns, Anfragen so schnell wie möglich zu beantworten. User müssen sich aber darauf einstellen, dass sie mehrere Tage auf eine Antwort warten müssen. In einer Notsituation ist Mailberatung also bestimmt nicht das richtige Mittel.
Ein wichtiges Merkmal der Mailberatung ist die Anonymität. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell und direkt User auch sehr persönliche Dinge offen legen, z.B. wenn es um Pornosucht geht.
Dann kann der Akt des Schreibens an sich für die User schon eine klärende, entlastende Wirkung haben. Ich habe zwei Beratungen, die nun schon über mehrere Monate laufen und die betreffenden User haben sich auf eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst eingelassen. Bei beiden ist sehr deutlich, dass das Schreiben eine Ressource ist. Es hilft ihnen, ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren, Distanz zu gewinnen in schwierigen Momenten. Beide sind wortgewandt und können sich sehr gut schriftlich ausdrücken. Eine der beiden ist übrigens erst 18-jährig. So viel zum Vorurteil, dass junge Leute nicht mehr schreiben können.
Eine weitere Besonderheit ist natürlich, dass meine einzige Informationsquelle der Text der Mailanfrage ist. Damit sind der Fantasie Tür und Tor geöffnet! Ob ich will oder nicht, entsteht bei mir sofort eine Vorstellung des Users. Es ist sehr wichtig, dass ich mir dessen immer bewusst bin. Bei meinen Antworten bleibe ich möglichst nah am Text des Users. Alles, was darüber hinausgeht, deklariere ich als das, was es ist: Annahmen, Hypothesen, die ich dem User als Frage vorlege. Ab und zu gönne ich mir den Luxus und investiere sehr viel Zeit in eine Antwort. Dann überlege ich mir bei jedem Wort, jedem Satz, warum ich das jetzt genau so schreibe und was ich damit erreichen will. Dieses Reflektieren über mein Tun kommt übrigens auch meinen Face-to-Face-Beratungen zu gute.

Das Angebot ist zwar anonym, aber viele haben nach ein paar Kontakten das Bedürfnis, ihren richtigen Namen zu nennen. Ist das für Sie der Ausdruck eines Vertrauensverhältnisses, das durch die Mailberatung entsteht?

Trotz der Anonymität entsteht in einer gut laufenden Mailberatung eine Beziehung zwischen User und Beratungsperson. Wenn User mit ihrem richtigen Namen unterschreiben, kann das durchaus ein Ausdruck dieser entstehenden Beziehung und des wachsenden Vertrauens sein. Mit der Zeit entwickelt man eine gemeinsame Sprache, Sprachbilder, mit denen man experimentieren und spielen kann. Man wünscht sich gegenseitig ein schönes Wochenende, erkundigt sich danach, ob die Ferien schön waren etc. Es entsteht eine gewisse Verbindlichkeit: eine Userin, die regelmässig und viel zu schreiben pflegte, hat mir einmal eine kurze Mail geschickt und mich informiert, dass sie sehr beschäftigt sei und deshalb keine Zeit habe zu schreiben. Es gehe ihr gut und ich müsse mir keine Sorgen machen.
Ich gehe davon aus, dass auch in einer längeren Mailberatung – ebenso wie in einer Face-to- Face-Beratung, der Beziehungsaspekt sehr, sehr wichtig ist. Gerade dank der Anonymität kann auch zwischen User und Beratungsperson grosse Nähe entstehen. Da gehört es zu meinen Aufgaben, die Grenzen zu wahren, klar zu machen, dass es sich um eine beraterische und nicht um eine private Beziehung handelt. Für mich heisst das u.a., dass ich mit den Usern per Sie bin, nicht zu allen Tages- und Nachtzeiten schreibe, sondern zu vereinbarten Zeiten, im Auge behalte, ob ich noch einen beraterischen Auftrag habe oder nicht. Ich mache das auch zu meinem Selbstschutz. Denn, ehrlich gesagt, macht es mir – trotz der meist ernsten Thematik – sehr viel Spass, mit gewissen Usern zu schreiben.
Meine längste Beratung umfasst mittlerweilen mehr als 30 A4-Seiten, die zweitlängste ca. 25 Seiten. Wie viele Mails das sind, müsste ich nachzählen. Die eine Beratung läuft seit März, die andere seit Juni. Beide Beratungen sind noch nicht abgeschlossen; mal schauen, wie viel da noch zusammenkommt.

Unsere Gesprächspartnerin

SafeZone-Katja-Scherrer, 50, lic. phil. I, Psychologin und in Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Nach Abschluss des Studiums, 1997, Tätigkeit in unterschiedlichen Funktionen in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen: vier Jahre in einem Wohnheim für chronisch psychisch Kranke, acht Jahre auf Psychotherapiestationen und ein Jahr auf einer akutpsychiatrischen Station für Jugendliche. Seit November 2008 als Suchtberaterin an einer ambulanten Beratungsstelle. Bei SafeZone.ch gehört sie von Anfang an zum Team der BeraterInnen, mit einem Pensum von 10%.